angedacht - Die Schönheit Gottes
Exodus33,19_Monatsspruch_Juli_2016_copyright_GEP

 
Geübte Bibelleser werden sich wohl durchaus wundern über den Wortlaut des oben abgebildeten Monatssspruchs für Juli. Gott kündigt also Mose an: „Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen“. Die Luther-Übersetzung von 1984 spricht nun aber statt von „Schönheit“ von „Güte“. Klingt es nicht irgendwie „richtiger“, „biblischer“, dass Gottes Güte auf diese Art Mose tief berühren wird, während man bei „Schönheit“ wohl eher an die Vorführung menschlich-vergänglicher Schönheit auf dem Laufsteg denken mag? Ist Güte also ein göttliches, Schönheit eher ein menschliches Prädikat?

Nun begegnet Gott dem Mose fast schon unmittelbar, sie sind im Zwiegespräch miteinander. Das ist Mose dann aber noch immer nicht genug. Er bittet Gott: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ In diesem Wunsch bringt Mose seine Sehnsucht zum Ausdruck, Gott unmittelbar begegnen zu dürfen. Es ist ihm ein Herzenswunsch, einmal, nur einmal vom Glauben zum Schauen zu kommen. Und genau dies geschieht dann! Der Herr zieht an ihm vorüber, wenn auch beschützend, indem er Mose in eine Felskluft stellt und die Hand über ihn hält.

So gesehen, kann ich beides gedanklich zusammenbringen: Gottes Güte und Schönheit sind wie Zwillingsschwestern. Auch wenn einem die Ausdrucksweise etwas fremd erscheinen mag, bringt Paul Gerhardt das Lob Gottes in seinem Lied „Die güldne Sonne“ doch sehr treffend zum Ausdruck:

»Gott ist das Größte,
das Schönste und Beste,
Gott ist das Süßte
und Allergewisste,
aus allen Schätzen der edelste Hort.«

Nun mag der eine oder die andere einwenden: Schön und gut, aber das ändert doch nichts an den äußerst hässlichen Begleiterscheinungen unseres irdischen Lebens! Da ist so viel Lieblosgkeit und Egoismus, Terror und Krieg nehmen überhand, und die von Hass erfüllten und nach Abgrenzung schreienden Gruppierungen werden selbst auf unserem bisher so friedlichen Kontinent immer lauter, beleidigender und unverschämter! Klingt das da nicht allzu sehr nach Schwärmerei und Weltfremdheit, Gottes Schönheit zu besingen?

Ich räume ein, dass es gerade für einen weltzugewandten Christen und zugleich frommen Menschen in diesen Zeiten eine große Herausforderung bedeutet, nicht zum Zyniker zu werden, sich nur der Innerlichkeit zuzuwenden oder nur noch gelten zu lassen, was praktisch geschieht, um anderen Gutes zu tun. Aber beides gehört zusammen! Mose weiß um den schweren, eigentlich unmöglich erscheinenden  Auftrag, das Volk durch die Wüste zu führen. Gerade darum sucht er Gottes Nähe auf dem Berg, findet Worte, seine Sprache der Sehnsucht, bekommt Kraft für die Zukunft geschenkt.

Ich denke zurück an eine für mich tief beeindruckende Begegnung mit der Gemeinschaft Sant'Egidio in Rom auf der Studienreise unseres Vikarskurses. Es war eine relativ kleine christlich orientierte Gruppe von Menschen, die sehr innig beten, singen und Gott loben konnten. Zugleich engagierten sie sich mit Nachdruck für die Versöhnung von verfeindeten Bürgerkriegsparteien eines afrikanischen Landes. Während unzählige staatliche Bemühungen aus aller Welt vergeblich blieben, gelang es Sant'Egidio, die Feinde endlich an den Verhandlungstisch zu bringen!

Das war vor etwa einem Vierteljahrhundert. Heute setzen sie sich ein für syrische Kriegsopfer und verhelfen Flüchtlingen zur regulären Aufnahme und einem hoffnungsvollen Neuanfang in Italien! Hier kommt etwas von Gottes Güte und Schönheit ungeachtet von Herkunft und Religion zum Ausdruck!

Projekt „Humanitäre Korridore für Flüchtlinge“, nachzulesen unter:

http://www.santegidio.org/index.php?&idLng=1067


Mit herzlichen Grüßen
Ihr Martin Will, Pfarrer